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Seine Heiligkeit

 

Der Titel „Dalai Lama“ läßt sich etwa mit „Ozean der Weisheit“ übersetzen. Als Ehrenbezeichnung für den obersten Lama des Gelbmützen-Ordens existiert er seit dem späten 16. Jahrhundert. Mit dem Aufstieg der Gelugpa zur Macht im 17. Jahrhundert wird der Dalai Lama zur höchsten geistli­chen und weltlichen Autorität des Landes Tibets. De facto liegt die Macht während dieser Zeit in den Händen einiger weniger Adels-Clans sowie hochrangiger Lamas; die Oberhoheit über das Land üben zunächst noch die Mongolen, später dann für mehr als zwei Jahrhunderte der chinesische Kaiserhof aus.
Erst mit dem Zerfall des chinesischen Reiches gelangt der 13. Dalai Lama Thubten Gyatso (1876-1933) zu größerer Machtfülle. Der heutige 14. Dalai Lama wird 1938 im Alter von drei Jahren „entdeckt“ und für sein Amt designiert. Im November 1950 wird er offiziell in das Amt eingeführt; zu diesem Zeitpunkt hat die chinesische Volksbefreiungsarmee bereits mit der Besetzung Tibets begonnen. 1959 flieht der Dalai Lama nach Indien; in Dharamsala befindet sich heute der Sitz der „tibetischen Exilregierung“.

Der Dalai Lama verfügt über keinerlei demokratische Legitimation. Der Zugang zu dem Posten wurde stets durch die herrschenden Eliten kontrolliert. Die Vorstellung, daß der Dalai Lama geistliches und weltliches Oberhaupt der Tibeter sei, verweist zurück auf die feudale Gesellschaftsordnung jener Zeit, in der das Amt geschaffen wurde. Sie ist jedoch nicht nur unter emanzipatorischen Gesichtspunkten fragwürdig, sondern kollidiert auch mit der Religionsfreiheit. Denn innerhalb des tibetischen Buddhismus und sogar innerhalb der Gelbmützen-Fraktion bestehen verschiedene Strömungen (z.B. Rotmützen bzw. Dorje Shugden), die den Dalai Lama nicht als ihren religiösen Führer sehen.

Wie wird ein neuer Dalai Lama gefunden?

Laut Dalai Lama sei grundlegend für den Buddhismus das „Gesetz von Ursache und Wirkung“, zusammengefasst unter dem Begriff „Karma“ (sankrit: Handlung): „Da eine Ursache eine Wirkung hervorruft, die ihrerseits wiederum die Ursache einer weiteren Wirkung ist, spricht man von der Kontinuität des Bewußtseins. Das Bewußtsein befindet sich in einem ständigen Fluß und sammelt von einem Augenblick zum anderen Erfahrungen und Eindrücke.“ Hieraus folge, dass „zum Zeitpunkt des physischen Todes im Bewußtsein eines Wesens ein Abdruck aller vergangenen Erfahrungen und Eindrücke sowie der ihnen vorausgegangenen Handlungen ist“. Das dergestalt geformte Bewußtsein eines Verstorbenen werde in einem karmisch entsprechenden neuen Körper wiedergeboren, wie der Dalai Lama erläutert, „in dem eines Tieres, Menschen oder göttlichen Wesens. Um ein Beispiel zu nennen: Eine Person, die in ihrem Leben vielfach Tiere gequält hat, könnte in ihrem nächsten Leben sehr wohl als Hund wiedergeboren werden, der einem herzlosen Besitzer gehört und schlecht behandelt wird.“ Die reaktionäre Folgerung, Menschen in sozialem Elend oder sonstig desolaten Lebensverhältnissen seien letztlich selber an ihrem Schicksal schuld – sie haben lediglich ihr Karma abzutragen, sprich: Vergehen aus früheren Leben zu büßen –, stellt in der Tat den Kern buddhistischer Lehre dar: „Die unerträglichen Leiden sind die Früchte der von mir allein begangenen Handlungen.“ Umgekehrt, so der Dalai Lama, „führen verdienstvolle Handlungen in diesem Leben zu einer günstigen Wiedergeburt im nächsten“. (...)
Buddhistischer Vorstellung zufolge sei es möglich – und dies sei Ziel aller Mühe des Daseins –, aus dem ewig-leidvollen Kreislauf (sanskrit: Samsara) von Geburt, Tod und Wiedergeburt auszubrechen. Dann nämlich, wenn alles negative Karma aus früheren Leben abgebüßt und gelöscht und im jetzigen Leben kein neues mehr angehäuft worden sei, finde man zur Befreiung (sanskrit: Moksha): man werde zum Buddha, als welcher man sich ins wohlverdiente Nichts (sanskrit: Nirvana) auflöse. Laut tibetischer Tradition des Buddhismus kehren indes zur Buddhaschaft gelangte Wesen, anstatt nun endgültig abzutreten, voll Erbarmen und immer wieder zu den Lebenden zurück und setzen sich „solange für das Wohl aller fühlenden Wesen ein, bis alle befreit sind“. Ein dergestalt von der Schwelle des Nirvana wiederkehrender Buddha wird Bodhisattva genannt, wörtlich: „einer, dessen Natur vollkommenes Wissen ist“. Als ebensolcher versteht sich der Dalai Lama, auch wenn er so tut, als sähen ihn nur andere so: „Mich sieht man als die Reinkarnation eines jeden der vorangegangenen dreizehn Dalai Lamas von Tibet, eine Linie, die im Jahre 1351 begann. Diese wiederum sind Verkörperungen von Avalokiteshvara [eine Mythenfigur mit elf, gelegentlich auch mit sechzehn Köpfen und tausend Armen, d. A.], auf tibetisch Chenrezig, dem Bodhisattva des Mitgefühls, des liebevollen Sich-Hinwendens, und Träger der weißen Lotosblüte. So glaubt man auch von mir, dass ich eine Inkarnation von Chenrezig bin, und zwar die vierundsiebzigste in einer Linie.“ An anderer Stelle gibt er sich weit weniger zurückhaltend: „Natürlich glaube ich an die Lehre von der Wiedergeburt (...) Wenn Sie mich also fragen, ob ich eine Reinkarnation bin, dann sage ich: Ja, das ist mein Glaube, meine Überzeugung.“ Laut einer seiner autorisierten Biographien sei im übrigen der Umstand, dass man bei ihm zwei Warzen unterhalb der Schulterblätter entdeckt habe, weiterer Beleg gewesen dafür, dass man in ihm tatsächlich die Inkarnation Chenrezigs (und damit die Reinkarnation seiner Amtsvorgänger) gefunden habe: die Warzen („two small bumps of flesh“) stellten unzweifelhaft eine Art rudimentärer Überbleibsel dessen zusätzlicher 998 Arme dar.
Ausführlich beschreibt der Dalai Lama die traditionelle Vorgehensweise – eingeführt wurde dieses Verfahren Mitte des 15. Jahrhunderts –, die Reinkarnation verstorbener Lamas ausfindig zu machen: Die Identifikation der Tülkus (tibet.: Körper der Verwandlung) sei im Grunde genommen „viel logischer, als man auf den ersten Blick vermutet. Wenn man von der buddhistischen Ansicht ausgeht, dass Wiedergeburt eine Tatsache ist, und man sich zudem vor Augen hält, dass der Sinn einer Reinkarnation der ist, es dem jeweiligen Wesen zu ermöglichen, seine Bemühungen um die Erlösung aller Lebewesen fortzuführen, dann ist es doch naheliegend, dass man die verschiedenen Einzelfälle auch identifizieren kann. Dadurch kann man ihnen die Möglichkeit geben, die richtige Ausbildung und Stellung im Leben zu erlangen, damit sie ihre Tätigkeit recht bald fortführen können.“ Weshalb bei derartigen Tülkus, in denen laut Dalai Lama „das Bewußtsein“ eines verstorbenen Meisters sich lediglich einen anderen Körper gesucht habe, überhaupt eine neue Ausbildung erforderlich ist, wird nicht erklärt. In der Tat können die als „Reinkarnationen“ ausfindig gemachten zwei- bis dreijährigen Jungen weder lesen noch schreiben, geschweige denn, dass sie irgendwelche Ahnung von buddhistischen Glaubensinhalten hätten. Sie werden ihren Eltern in frühestem Alter weggenommen und einer bis zu zwanzigjährigen monastischen „Ausbildung“ unterzogen, vielfach durch dieselben Lehrer und Berater, die schon dem Verstorbenen zu dessen Lebzeiten zur Seite gestanden waren. Kein Wunder, dass derart indoktrinierte junge Menschen sich früher oder später als leibhaftige Wiedergeburt ihrer jeweiligen Amtsvorgänger vorkommen.
Laut Dalai Lama beginnt der Identifikationsprozeß eines Tülku mit einem einfachen Ausschlußverfahren: Auf der Suche nach der Reinkarnation eines bestimmten Mönchs müsse zuerst festgestellt werden, wann und wo dieser Mönch gestorben sei. Unter Berücksichtigung des Umstandes, dass die neue Inkarnation normalerweise ungefähr ein Jahr nach dem Tod des Vorgängers gezeugt werde – dies wisse man man aus Erfahrung –, könne man einen Zeitplan aufstellen: „Wenn Lama X im Jahr Y gestorben ist, wird seine Reinkarnation wahrscheinlich achtzehn bis vierundzwanzig Monate später geboren werden. Fünf Jahre nach dem Jahr Y wird das Kind also ungefähr drei bis vier Jahre alt sein.“ Die Frage, wo eine Inkarnation zu suchen sei, beantworte sich entweder durch Hinweise, die der jeweils Verblichene vor seinem Ableben hinterlassen habe, oder durch Träume und Visionen, die dessen hinterbliebenen Anhängern zuteil würden. Sind auf diese Weise die Eckdaten festgelegt, wird ein Suchtrupp zusammengestellt, der unter den Kleinkindern einer bestimmten Region nach einem möglichen Kandidaten Ausschau hält. Vielfach bezieht man sich auf Hinweise aus der Bevölkerung, die vielleicht von einem besonderen Ereignis zum Zeitpunkt der Geburt eines Kindes zu berichten weiß: so wird beispielsweise Sternschnuppen große Bedeutung beigemessen, auch Regenbögen, der Blüte seltener Pflanzen oder auffälligem Verhalten von Tieren. Selbstredend werden Astrologen und Hellseher zu Rate gezogen, dazu jedes nur verfügbare Orakel. Hat man schließlich ein in Frage kommendes Kind ausfindig gemacht, werden diesem verschiedene Gegenstände – eine Auswahl an Eßschalen, Rosenkränzen, Gebetsmühlen etc. – vorgelegt, die teils aus dem Besitz des Verstorbenen stammen; kann das Kind diese richtig bestimmen, das heißt, nimmt es die in die Hand, die dem Verstorbenen gehört hatten, wird das als untrügerischer Beleg gesehen dafür, dass es sich um dessen Wiedergeburt handeln muß.
Vom Begriff suggestiver Befragung haben die Gelbmützen offenbar noch nie etwas gehört; auch scheint ihnen die Möglichkeit undenkbar, dass Eltern, die das „Erkennen“ eines ihrer Kinder als Tülku als einmalige Chance auf den Erwerb großen spirituellen Verdienstes (sowie nicht unerheblichen materiellen Zugewinnes) sehen, dieses entsprechend präparieren, so dass es seinerseits eine Person aus dem Suchtrupp „erkennt“. Der Dalai Lama jedenfalls weiß hinsichtlich solchen „Identifikationsprozesses“ nur mit dem (zirkelschlüssigen) Argument aufzuwarten, das Leben der Tülkus selbst sei „Beweis genug, dass er auf Wahrheit beruht“. Tatsächlich, wie der Ostasienkundler Thomas Hoppe schreibt, erfahre ein wiedergeborener Lama seine „Legitimität kraft Proklamation und Inthronisation durch die bestehende religiös-politische Macht, die qua Akklamation durch den Klerus, dann auch durch die Masse bekräftigt wird und sich in der Zeit als legitime innerhalb eines komplexen kontinuierlichen Macht- und Glaubenssystems bewährt und bewahrheitet“. (...)
Er selbst, wie der Dalai Lama Mitte 1997 in New York verkündete, werde für den Fall, dass das Tibetproblem bis zu seinem Tode (in diesem Leben) nicht gelöst sei, unter keinen Umständen in Tibet, sondern „mit absoluter Gewißheit (...) in der freien Welt“ Wiedergeburt annehmen. Den vielfältigen Gerüchten, mit dem vierzehnten Dalai Lama werde die Kette der Inkarnationen Chenrezigs womöglich abreißen, er selbst damit der letzte seiner Art sein, tritt „Seine Heiligkeit“ entschieden entgegen: „Solange es Wesen gibt, die leiden, werde ich wiederkehren.“
Der Familie eines Tülku brachte dessen Einsetzung in das Amt seines „Vorgängers“ neben spirituellem Verdienst auch enormen materiellen Vorteil. In der Regel wurden die Eltern und Geschwister durch das jeweilige Kloster, dem dieser später vorstehen sollte, mit großzügigen Geschenken sowie Landbesitz „entschädigt“. Im Falle des Dalai Lama wurde die gesamte Familie in den höchsten Adelsstand samt dazugehörigem Gutsbesitz erhoben.

aus: Colin Goldner: Dalai Lama. 1. Auflage, Aschaffenburg 1999. (gekürzt, ohne Quellen in den Fußnoten)