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Chronologie

2008

Bereits im Herbst 2007 hatte der Dalai Lama sich nach Kräften bemüht, das im Vorfelde der Olympischen Spiele in Beijing (8.-24.8.2008) auf China gerichtete Augenmerk der Weltöffentlichkeit für seine antichinesische Propaganda zu nutzen. Nichts konnte China derzeit weniger gebrauchen als negative Presse, Grund genug für ihn, nach bestem Vermögen für ebensolche zu sorgen. Ende September 2007 war es in seiner Residenz in Dharamsala zu einem Treffen mit hochrangigen Vertretern der deutschsprachigen Minderheit Norditaliens („Südtiroler“) gekommen, die ihn über Mittel und Methoden erfolgreicher deutscher „Volkgruppen“-Politik unterrichteten. Schon bei seinem ersten Besuch in Bozen 1997, als er sich erstmalig zum sogenannten „Volksgruppenrecht“ beraten ließ, wie es in der norditalienischen Autonomen Region Trentino-Alto Adige („Südtirol“) in Kraft ist, hatte der Dalai Lama die Mannen um Delegationsleiter Franz Pahl kennengelernt. (Pahl ist Mandatsträger der rechtskonservativen Südtiroler Volkspartei, die es als ihre Hauptaufgabe betrachtet, „das Heimatrecht der angestammten Bevölkerung zu verteidigen und das Land vor Überfremdung zu bewahren.“) Die „Südtirol“-Autonomie folgt Konzepten ebendieser deutschen „Volksgruppen“-Politik, insofern, wie „Seine Heiligkeit“ bei einem Folgebesuch in Bozen im Sommer 2005 erklärte, habe „Südtirol für Tibet durchaus Vorbildcharakter“. Daß die Forderung nach einem autonomen Status für Südtirol in den 1960ern nicht zuletzt mit Bombenanschlägen unterstrichen wurde, müßte dem Dalai Lama bekannt sein. (Im Gegensatz zu seinem Image als Anwalt bedingungsloser Gewaltlosigkeit tritt der Dalai Lama immer wieder und dezidiert für Gewalt als Option des Handelns ein. Beispielsweise betonte er in einem öffentlichen Gespräch an der Stanford-University im November 2005, Gewalt könne durchaus erlaubt sein, insbesondere sei die Beantwortung einer gewaltsamen Aktion durch eine entsprechend starke Gegenmaßnahme manchmal das genau Richtige.)

Motiviert vom Treffen mit der südtiroler Delegation und mit ausdrücklicher Billigung des Dalai Lama wurde in Dharamsala ein eigener Kampfverband begründet – zusammengesetzt aus Mitgliedern des militanten Tibetan Youth Congress, der nicht weniger militanten Gu-Chu-Sum Ex-Political Prisoners’ Association und dreier weiterer exiltibetischer Organisationen –, dessen Ziel, eigenen Angaben zufolge, darin besteht, „direkte Aktionen“ durchzuführen „um Chinas illegale und brutale Besetzung unseres Landes zu beenden“. „Die Olympischen Spiele“, so eine Grundsatzerklärung des am 4. Januar 2008 offiziell konstituierten und als Tibetan People’s Uprising Movement (TPUM) ausgerufenen Verbandes, „werden den Höhepunkt von fast 50 Jahren tibetischen Widerstandes im Exil markieren. Wir werden diesen historischen Moment dazu nutzen, die tibetische Freiheitsbewegung wiedererstarken zu lassen und unseren Freiheitskampf aus dem Exil nach Tibet zurückbringen. Durch unermüdliche Arbeit und unbeirrbare Hingabe an Wahrheit und Gerechtigkeit werden wir einen weiteren Aufstand (des Volkes) hervorbringen, der Chinas Kontrolle über Tibet erschüttern und den Anfang des Endes der chinesischen Besetzung (Tibets) bedeuten wird.“ Daß es dabei auch um gewaltsame Aktionen gehen sollte, stand von vorneherein fest.
Die Hauptforderungen der TPUM-Aktivisten lauten: „Wir, das tibetische Volk, verlangen, daß 1. die chinesische Regierung unverzüglich sämtliche Hindernisse beseitigt für eine bedingungslose Rückkehr Seiner Heiligkeit des Dalai Lama nach Tibet an seinen rechtmäßigen Platz als Führer des tibetischen Volkes“; daß 2. mit dem sofortigen Abbau der chinesischen Kolonialherrschaft begonnen werde; und daß 3. sämtliche politischen Gefangenen in Tibet – die Rede ist von tausenden von Tibetern, die aus religiösen oder politischen Gründen verfolgt würden –, umgehend aus jeder Form der Inhaftierung zu entlassen seien. Im Übrigen verlange „das tibetische Volk“, daß „das Internationale Olympische Komitee die Olympischen Spiele 2008 in Beijing unverzüglich absagt und China nie wieder als mögliches Gastgeberland für Olympische Spiele in Betracht zieht, solange Tibet nicht frei ist. Die chinesische Regierung begeht kulturellen Völkermord in Tibet und verdient die Ehre nicht, Gastgeberin eines international derart gefeiertes Ereignisses zu sein.“
Der Dalai Lama ließ seinerseits keine Gelegenheit ungenutzt, die angeblich „erneut zunehmende Unterdrückung des tibetischen Volkes“ anzuprangern und damit die offen gewaltbereite Stimmung innerhalb des TPUM-Kampfverbandes anzuheizen. In seiner traditionellen Rede zum „Jahrestag des Volksaufstandes von 1959“ am 11. März 2008 behauptete er, die Chinesen machten sich fortgesetzt „zahlreicher, unvorstellbarer und grausamer Menschenrechtsverletzungen“ in Tibet schuldig. In seiner Brandrede zum 49. Jahrestag des angeblichen Volksaufstandes von Lhasa bezog der Dalai Lama sich wie gewohnt auf „ganz Groß-Tibet“ (Cholkha-Sum), wo „seit nahezu sechs Jahrzehnten Tibeter unter chinesischer Repressionsherrschaft in ständiger Angst, Bedrohung und Verdächtigung leben müssen“.

Ausschreitungen in Kathmandu und Lhasa

Noch am selben Tag kam es in der nepalischen Hauptstadt Kathmandu zu gewalttätigen Ausschreitungen: mehr als 200 Mönche der etwas außerhalb der Stadt gelegenen Klosterschulen von Bodhanath versuchten, auf das Gelände der chinesischen Botschaft im Stadtzentrum vorzudringen. Zeitgleich wurde von Dharamsala aus ein offenbar von langer Hand vorbereiteter Protestmarsch nach Lhasa auf den Weg gebracht. Eine Weisung der indischen Behörden an die etwa 100 Protestmarschierer, den örtlichen Distrikt nicht zu verlassen, wurde demonstrativ ignoriert. Der Marsch wurde nach wenigen Kilometern von Polizeieinheiten aufgelöst. Weitere TPUM-dirigierte Protestaktionen fanden in Neu-Delhi, San Francisco, New York, Marseille, Wien und andernorts statt, mithin auch vor der Ausgrabungsstätte des historischen Olympia in Griechenland (an der wenige Tage später die olympische Flamme entzündet werden sollte). Die Mehrzahl dieser Aktionen verlief friedlich.
Alles andere als friedlich verlief der Protest hingegen in Lhasa: mit Schlagstöcken und Eisenstangen bewaffnete Mönchsgruppen aus dem Kloster Drepung zogen am Abend des 11. März durch die Altstadt, skandierten antichinesische Parolen und schlugen Fensterscheiben von Häusern und Ladengeschäften zu Bruch. Die Polizei nahm zahlreiche Verhaftungen vor. Die gezielt provozierten Zusammenstöße der Drepung-Mönche mit der Polizei – Gerüchte über exzessive Brutalität der chinesischen Sicherheitskräfte und Mißhandlung gefangengenommener Mönche machten blitzartig die Runde – ließen die Gewalt auf die beiden anderen Großklöster des Lhasa-Tales und weitere Teile der Stadt überspringen: Polizei- und Feuerwehrfahrzeuge, aber auch öffentliche Busse und Privatautos wurden umgeworfen und angezündet, chinesische Häuser und Ladengeschäfte aufgebrochen, geplündert und in Brand gesteckt. Letztlich gab es mehr als 150 Brandherde, von denen 40 sich zu Großfeuern ausweiteten. Ganze Straßenzüge wurden verwüstet, auch die vom Stadtpark unterhalb des Potala-Palastes zur Altstadt führende Hauptstraße Xingfu Dong Lu fiel den wütenden Mönchen zum Opfer; desgleichen die Haupttraße des neuen Geschäftsviertels: wahllos wurden Wohn-, Geschäfts-, Bank- und Bürogebäude abgefackelt, Molotowcocktails flogen nicht nur in Polizeiwachen sondern auch in Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser, auch eine islamische Moschee wurde niedergebrannt. Kursierende Gerüchte über den Opfer­selbstmord zweier Lamas ließen die Situation weiter eskalieren: außer Rand und Band geratenene Mönche der drei örtlichen Klöster Drepung, Ganden und Sera brachen blutige Straßenkämpfe vom Zaun, an denen sich zunehmend auch tibetische Jugendliche beteiligten. Es gab zahlreiche teils schwer Verletzte sowohl auf tibetischer als auch auf chinesischer Seite. Noch bevor irgendwelche tragfähigen Informationen aus Lhasa vorlagen, wurde von Tibet-Unterstützergruppen weltweit die chinesische Führung für den Ausbruch der Gewalt verantwortlich gemacht. Die Rede war, gestützt auf TPUM-Verlautbarungen und Mitteilungen des US-Senders Radio Free Asia, vom „berechtigten und absolut friedfertigen Protest des tibetischen Volkes“ gegen die chinesische Militärdiktatur. Der Protest sei brutal zusammengeknüppelt und niedergeschossen worden, was, beklagenswert aber verständlich, im Einzelfalle – TV-Bilder wild um sich schlagender, Steine und Brandbomben werfender Tibeter mußten gerechtfertigt werden – zu gewaltsamer Not- und Gegenwehr geführt habe. Mehr als 100 Tibeter seien seit Beginn der Unruhen zu Tode gekommen. In zahlreichen West-Ländern wurden „spontane“ Solidaritätskundgebungen für den „tibetischen Freiheitskampf“ veranstaltet. Auch die Tibet-Initiative Deutschland organisierte umgehend bundesweite Demonstrationszüge und Mahnwachen. US-Präsident Bush und Kanzlerin Merkel forderten Beijing zu sofortiger Einstellung aller Kampfhandlungen und zu umgehenden Gesprächen mit dem Dalai Lama als „spirituellem Oberhaupt der Tibeter“ auf, der als einziger die „Tibetfrage“ zu lösen imstande sei. Die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, kam eigens zu einem Solidaritätsbesuch nach Dharamsala, um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen.
Die tatsächliche Rolle des Dalai Lama, der mit seiner Rede zum 11. März die Lunte ans Pulverfass der TPUM-Gewaltakte gelegt hatte – auch an anderen Orten der Autonomen Region Tibet und in den Nachbarprovinzen Sichuan, Qinghai und Gansu kam es zu gezielten Übergriffen gegen Sicherheitskräfte und die chinesische Zivilbevölkerung –, wurde konsequent ausgeblendet. Desgleichen der Umstand, daß es sich keineswegs um einen „Volksaufstand“ handelte, wie Dharamsala in steter Wiederholung behauptete, sondern daß die Verwüstungen und Gewaltakte von relativ kleinen Tätergruppen verübt worden waren, die keineswegs Rückhalt in der tibetischen Bevölkerung fanden. Unerwähnt blieb auch, daß es neben dem Dalai Lama eine Vielzahl weiterer buddhistisch-religiöser Oberhäupter in Tibet und den Nachbarprovinzen gibt, die dessen Kurs nicht mittragen.
Die öffentliche Ordnung in Lhasa wurde durch massive Präsenz von Polizei und Militär auf den Straßen wiederhergestellt. Offiziellen Angaben zufolge gab es im Zuge der über mehrere Tage hinweg immer wieder auflodernden Ausschreitungen zehn Tote, Opfer vor allem der Brandanschläge auf chinesische Häuser und Läden: fünf Verkäuferinnen eines Bekleidungsgeschäftes, in das eine Benzinbombe geworfen worden war, verbrannten bei lebendigem Leibe; ein junger Chinese wurde auf offener Straße totgeprügelt, ein anderer wurde erstochen. Die Zahl der Verletzten lag bei über 600. Auch an den anderen Orten, an denen TPUM-konzertierte Protestkundgebungen und „direct actions“ stattfanden, gab es Schwerverletzte und Tote. Wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua mitteilte, seien insgesamt 22 Menschen zu Tode gekommen. Behauptungen des Dalai Lama, chinesisches Militär habe mehrfach in die Menge geschossen, wobei „mehrere hundert Tibeter getötetet“ worden seien, erwiesen sich als völlig aus der Luft gegriffen, waren aber dazu angetan, die Lage weiter anzuheizen. In zahlreichen Städten rund um den Globus verschärften sich die Proteste der örtlichen Tibeter-Vereine und Tibet-Unterstützergruppen: in Sydney etwa oder in Zürich kam es zu massiven Zusammenstößen zwischen der Polizei und Pro-Tibet-Aktivisten, die die diplomatischen Vertretungen der VR China angriffen; in München versuchten knapp drei Dutzend Tibeter das chinesische Generalkonsulat zu stürmen. Sie rissen die chinesische Fahne vom Mast und zündeten sie an, beschmierten die Hauswände mit antichinesischen Parolen und schlugen auf Angestellte des Konsulats ein. (Wenige Tage später versuchten mit Kunstblut verschmierte Exil-Tibeter, unterstützt von Aktivisten der Reporters sans frontières, die Feier zur Entzündung der olympischen Flamme im griechischen Olympia zu stören; sie wurden von griechischer Polizei verhaftet. Besonders erregten sich Pro-Tibet-Gruppen im Übrigen darüber, daß die olympische Flamme nicht nur quer durch Tibet sondern medienwirksam auch auf den höchsten Gipfel der Erde, den von Tibetern vorgeblich als heilig angesehenen Chomolungma [= Mount Everest] getragen werden soll.)

Die westlichen Medien und die Propaganda aus Dharamsala

Der Dalai Lama und seine Verlautbarungsorgane setzten ihre einseitige Propaganda systematisch fort. In den westlichen Medien wurden die frei Haus gelieferten Behauptungen aus Dharamsala ohne die geringste journalistische Distanz oder Gegenrecherche weiterverbreitet: von der „unmenschlichen Brutalität der chinesischen Machthaber“, den „grausamen Menschenrechtsverletzungen“, dem „Völkermord auf dem Dach der Welt“ war die Rede. Die bundesdeutschen Medien – Spiegel, Focus, Zeit, FAZ etc. – erschienen komplett gleichgeschaltet: nirgendwo fand sich auch nur der leiseste Anflug von Kritik an der von Tibetern verübten Gewalt. Selbst im öffentlich-rechtlichen Fernsehen von ARD und ZDF wurden die gewalttätigen jungen Tibeter, die da vandalierend, plündernd und Brände legend durch die Straßen zogen und auf jeden einprügelten, der nicht tibetisch genug aussah, als im Grunde friedliche Demonstranten dargestellt, die von einer brutalen Militärdiktatur an der Ausübung elementarster Rechte gehindert würden. Verfügliches Bildmaterial wurde entweder gar nicht gezeigt oder manipuliert beziehungsweise mit falschen oder irreführenden Kommentaren versehen: Die Berliner Morgenpost beispielsweise drehte ihrer Leserschaft ein Reuters-Photo als Szene der Verhaftung eines „Aufständischen“ an, der „während der Revolte in Tibets Hauptstadt Lhasa von Sicherheitsbehörden abgeführt“ worden sei. Tatsächlich, wie eine bei YouTube eingestellte Videoaufnahme der Gesamtszene beweist, zeigt das Bild einen verletzten Chinesen, der von einem Sanitäter in roter Helferuniform und einer weiteren Person in Zivilkleidung in Sicherheit gebracht wird. (Nach massiver Kritik im Internet ruderte die Berliner Morgenpost halbherzig zurück: das Bild stamme ursprünglich aus einem Bericht des chinesischen Staatssenders CCTV, aus dem die Fotoagentur Reuters Standbilder entnommen und verbreitet habe. Reuters habe das Bild mit der Unterschrift versehen, hier werde ein Mann „eskortiert“. Von einem „Aufständischen“ war indes bei Reuters ebensowenig die Rede wie von „Sicherheitsbehörden“, die diesen „abgeführt“ hätten. Im übrigen, so die Berliner Morgenpost, seien die Fotoagenturen „darauf angewiesen, ihren Zuträgern zu glauben – eine absolute Wahrheit gibt es nicht.“) Eine journalistische Sorgfaltspflicht offenbar auch nicht: Der Nachrichtensender n-tv strahlte ein Video aus, in dem mit Schlagstöcken bewaffnete Ordnungskräfte bei einem Einsatz zu sehen sind, und suggerierte, es handle sich dabei um chinesisches Militär, das im Zuge der Lhasaer Proteste auf friedliche Tibeter einprügle. Nur: die Bilder stammten gar nicht aus Lhasa, vielmehr zeigten sie nepalische Polizei, die gegen tibetische Randalierer in Kathmandu vorging. Auch auf RTL wurden die Szenen aus Kathmandu als Szenen aus Lhasa verkauft; desgleichen in der Bild-Zeitung, in der unter der Überschrift „Hunderte Tote bei schweren Unruhen in Tibet“ ein Standphoto aus dem Kathmandu-Video zu sehen war. Das gleiche Photo fand sich in zahlreichen anderen Medien, mithin diente es zur Illustration eines Berichtes auf dem protibetischen Nachrichtenblog China-Guide, in dem unter dem Titel „Immer mehr Tote – Lhasa gleicht einem Kriegsschauplatz“ zu lesen stand, es seien allein in Lhasa „bereits 300 Personen von den chinesischen Truppen getötet (worden), hauptsächlich Mönche aus Sera und Drepung. (...) Die Lage ist schrecklich. So viele Menschen wurden getötet. Die Chinesen schießen auf jeden, der ihnen unter die Augen kommt, Berge von Leichen liegen um den Haupttempel Lhasas, den Tsuglakhang, und alles ist voller Blut.“ Als Quelle wurden anonyme Telephoninformanten angegeben. Auf AOL/welt-online war ein dpa-Bild zu sehen mit der Rückenansicht zweier Uniformierter, von denen einer einen Schlagstock im Gürtel trägt; davor eine Frau mit Kopftuch. Untertitel: „China zeigt in Tibet seine brutale Fratze: Mit gnadenloser Gewalt gehen Sicherheitskräfte gegen tibetische Demonstranten vor“. Tatsächlich handelte um eine per se völlig aussagelose Aufnahme aus Kathmandu. Den Höhepunkt verzerrender Berichterstattung lieferte Zeit-online mit einem Photo zweier chinesischer Armeefahrzeuge, von dem eine auf dem Original zu sehende Gruppe steinewerfender Tibeter einfach weggeschnitten war.
Während in den Medien und unter Politikern ein Boykott der Olympischen Spiele bzw. der Eröffnungsfeier diskutiert wurde, brach sich in den Foren, Blogs und Chatrooms des world wide web eine abenteuerliche Mischung aus Gutmenschentum und jahrzehntelang gezüchtetem antichinesischem Ressentiment ihre Bahn. In zahllosen www-postings wurde Verständnis und Sympathie für die – letztlich unabstreitbar von tibetischer Seite ausgehende – Gewalt geäußert, die, umstilisiert zum „heroischen Befeiungskampf eines seit 50 Jahren gnadenlos unterdrückten Volkes“, jede Unterstützung der „freien Welt“ verdiene. Schuld an den Ausschreitungen trüge allemal Beijing, den Tibetern sei gar keine andere Wahl geblieben, als sich mit Gewalt zur Wehr zu setzen,.was sie nun endlich täten. Wenn es dabei gelegentlich zu Gewaltexzessen komme, sei dies durchaus nachvollziehbar: es entlade sich „nur der über Jahrzehnte aufgestaute Haß gegen die chinesischen Besatzer“. Bei YouTube eingestellte Handyvideos von Touristen, die den blanken Terror in Lhasa, Ngawa (Sichuan), Xiahe (Gansu) und andernorts dokumentierten, wurden in kürzester Zeit millionenfach angeklickt und mit hunderttausenden von – zu etwa 80 Prozent pro-tibetischen – Kommentaren versehen.  Die westlichen Printmedien und TV-Nachrichten verlagerten sich angesichts der unabweisbaren Photo- und Videodokumente offenkundig von Tibetern vom Zaune gebrochener Gewalt auf die Argumentationslinie, die Ausschreitungen seien zwar zu verurteilen, letztlich aber vor dem Hintergrund der jahrzehntelangen Unterdrückungspolitik Beijings verständlich und als „Ausdruck der Verzweiflung“ (NZZ) oder „Schrei nach Freiheit“ (Tagesspiegel) vielleicht sogar legitim.
Die TPUM-Strategie war voll aufgegangen, den „historischen Moment der Olympischen Spiele“ zu nutzen, um über gezielt eingesetzte Gewalt „Chinas Kontrolle über Tibet zu erschüttern“. Die bürgerlichen Medien kommentierten den Straßenterror der TPUM in durchaus anerkennendem Unterton, auf welt-online etwa stand zu lesen: „Die Palästinenser haben ihren Fall in den 60er- und 70er-Jahren vor allem mit Flugzeugentführungen und Terroranschlägen auf die internationale Agenda gesetzt. (...). Auch die Protestanten in Nordirland haben gezeigt, daß Terror funktioniert. Es ist schwer vorstellbar, daß sie es ohne die Anschläge der IRA bis zur Beteiligung an der nordirischen Regierung gebracht hätten. Im Vergleich dazu hat sich die Lage der Tibeter eher verschlechtert als verbessert. Die Lehren, die Unabhängigkeitsbewegungen daraus ziehen werden, sind klar: Nur wenn man sich mit terroristischer Gewalt auf die Weltbühne bombt, wird man irgendwann als politischer Verhandlungspartner akzeptiert.“ (Daß der Autor hier Katholiken und Protestanten verwechselt, unterstreicht nur seine politische Desorientierung.)
 

Unterdessen konnte der Dalai Lama sich zurücklehnen und verkünden, China habe „als das größte Land der Welt ein Anrecht auf die Olympiade“. Die olympischen Regeln verlangten aber, daß im Gastgeberland der Spiele die Menschenrechte eingehalten würden. Da dies in China nicht der Fall sei, habe Beijing eben doch kein Anrecht. Eine Woche nach seiner Brandrede zum 11. März und nachdem genug Öl ins Feuer gegossen war, daß dieses alleine weiterbrennen konnte, kehrte der Dalai Lama zu seiner geübten Rhetorik des Gewaltverzichts und der Friedfertigkeit zurück: in einer Fernsehansprache appellierte er an seine Landsleute, sich bei weiterem Protest „exzessiver Gewalt“ zu enthalten, ansonsten sehe er sich zum Rücktritt von seinem Amte genötigt. Der Appell erzielte den beabsichtigten Effekt: „Seine Heiligkeit“ war, zumindest in den West-Medien, schlagartig von jedem Verdachte reingewaschen – das chinesische Staatsfernsehen hatte ihn insofern als „Wolf im Mönchsgewand“ bezeichnet –, er selbst und seine Clique seien Drahtzieher der Ausschreitungen gewesen. Kurze Zeit später nahm der Dalai Lama seine Rücktrittsdrohung wieder zurück und ließ über seinen Pressesprecher mitteilen, bleibe er seinem Volke als „geistlicher und politischer Führer“ erhalten.