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Kritische Literatur

Es gibt nur wenige deutschsprachige Bücher, die sich kritisch mit dem tibetischen Buddhismus und seinen höchsten Repräsentanten auseinandersetzen. Die Titel setzen dabei unterschiedliche Schwerpunkte und argumentieren aus unterschiedlichen Perspektiven. Damit Sie einschätzen können, welche Publikation ihre Fragen am ehesten beantworten könnte, werden die wichtigsten Werke hier kurz kommentiert. Teilweise sind sie nicht mehr lieferbar, müssen also antiquarisch oder über die Bibliothek besorgt werden.


June Campbell: Göttinnen, Dakinis und ganz normale Frauen. Weibliche Identität im tibetischen Tantra. Berlin 1997. 320 Seiten (derzeit nicht lieferbar)
[original: Traveller in Space: In Search of Female Identity in Tibetan Buddhism. London, 1996]

Eine der ersten Frauen, die die streng geheimgehaltenen Sexbeziehungen hochrangiger tibetischer Lamas zu Frauen ans Licht brachte, war die Tibetologin June Campbell, die 1996 ein Buch darüber vorlegte. Sie war über Jahre hinweg die „geheime sexuelle Gefährtin“ ihres „spirituellen Lehrers“, des über vierzig Jahre älteren Lamas Kalu Rinpoche (1905-1989), gewesen. Die Autorin beschreibt den tibetischen Buddhismus als per se frauenfeindlich und ihre sexuelle Beziehung zu Kalu Rinpoche als „einseitig“ und „ausbeuterisch“. Trotzdem geht es ihr weniger um eine grundlegende Kritik als um eine „Reinigung des Buddhismus von überholten und fragwürdigen Traditionen“. Gleichwohl bietet das Buch einen wichtigen Einblick in die patriarchalisch-feudalen Machtstrukturen des tibetischen Buddhismus.
 



Colin Goldner:
Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs. Zweite aktualisierte und erweiterte Auflage. Aschaffenburg 2008. 733 Seiten, über 40 Abbildungen [kaufen]

Das erstmals 1999 erschienene Buch von Colin Goldner bietet eine politische Biographie des XIV. Dalai Lama. In einer Chronologie verfolgt es den Lebensweg des Lhamo Dhöndup (so der bürgerliche Name des Dalai Lama) von dessen Geburt über die Inthronisierung im Jahr 1940 und die Flucht aus Tibet bis hin zu seinem Aufstieg zur Kultfigur der Esoterikszene. Neben diesen stark biographisch ausgerichteten Abschnitten gibt es 18 Exkurse, in denen Hintergrundinformationen geboten werden. Dabei werden einerseits die Zustände im “alten Tibet” untersucht, andererseits erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit den Vorstellungen des tibetischen Buddhismus (u.a. die Lehren von Karma und Wiedergeburt, die Rolle der Frau, Tantra und Sexualität). Ausführlich werden die Hintergründe des Einmarsches der chinesischen Volksbefreiungsarmee von 1950 erörtert, desgleichen die Folgen, die sich für die tibetische Bevölkerung daraus ergaben. Auch die internationale  Tibet-Unterstützerszene wird kritisch beleuchtet. Das Buch belegt seine vielfach provokanten Behauptungen und Thesen in über 900 Anmerkungen.

Weitere Besprechung:

www.cityinfonetz.de/homepages/hammerschmitt/low_goldner.html
 


Victor & Victoria Trimondi: Der Schatten des Dalai Lama. Sexualität, Magie und Politik im tibetischen Buddhismus. Düsseldorf 1999. 800 Seiten (derzeit nicht lieferbar)

Das Anfang 1999 von dem Autorenpaar Victor und Victoria Trimondi (pseudonym für: Herbert und Mariana Roettgen) vorgelegte Werk will den tibetischen Buddhismus „als einen im Kern atavistischen, fundamentalistischen, sexistischen und faschistischen Kulturentwurf“ entlarven. Das Buch bietet allerdings keine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Wesen und den politischen beziehungsweise sozialen Auswirkungen des tibetischen Buddhismus, vielmehr bewegen sich die Autoren in ihrer Argumentation innerhalb eines enggesteckten religionswissenschaftlichen Bezugsrahmens, den sie nur an wenigen Stellen verlassen. Ausführlich setzen sich die Autoren mit dem Kalachakra-Ritual und dem Shambala-Mythos auseinander, führen in die sexualmagischen Vorstellungen tantrischer Schriften ein und arbeiten die dort enthaltenen Weltherrschaftsphantasien heraus. Allerdings verbleiben sie dabei zumeist auf der Ebene der Textinterpretation und überprüfen nicht in ausreichendem Maße, inwiefern die in den religiösen Texten entworfenen Vorstellungen, sich in gesellschaftlicher Realität niederschlagen.

Weitere Besprechung:

www.relinfo.ch/gelugpa/trimondi.html


Bruno Waldvogel-Frei: Und der Dalai Lama lächelte... Die dunklen Seiten des tibetischen Buddhismus. Berneck, 2002, 122 Seiten (derzeit nicht lieferbar, erweiterte Neuauflage ist für Frühjahr 2008 angekündigt)

Das Buch des schweizerischen Theologen Bruno Waldvogel-Frei, erschienen im Verlag des evangelikalen Monatsmagazins factum, unterzieht den Dalai Lama und den von ihm vertretenen tibetischen Buddhismus einer Kritik aus christlicher Perspektive. Dabei beschreibt er den Dalai Lama als gefährlich, denn dieser könne „innert kürzester Zeit zum mächtigsten Herrscher des Universums aufsteigen“ und eine buddhokratischen Weltherrschaft errichten. Eine zentrale Schwäche des Buches ist, daß Waldvogel-Frei bei der Interpretation der tantrischen Texte keinerlei Unterschied macht zwischen Mythos und Realität. So erscheinen ihm auch offenkundig nur metaphorisch zu verstehende Bildbegriffe als „omnipotente Machtansprüche“ mit geplanter „Vernichtungsschlacht gegen alle Ungläubigen“. Da das Buch zudem einige geschichtliche Zuordnungsfehler aufweist, ist es trotz seines niedrigen Preises für eine erste kritische Orientierung über den Dalai Lama und den tibetischen Buddhismus nur für alle jene geeignet, die über ein festgefügtes evangelikales Weltbild verfügen.


Alan Winnington: Tibet. Die wahre Geschichte. Berlin 2008, 320 Seiten [kaufen]

 

Der britische Journalist Alan Winnington bereiste Tibet in den Jahren 1955 und 1959. Er sprach mit einfachen Menschen und hohen Würdenträgern und beobachtete die Entwicklung des Landes nach dem Einmarsch der Chinesen. Sein Reisebericht ist geprägt von großer Sympathie für die Bevölkerung und dem Glauben, daß mit dem Kommunismus eine bessere Zeit anbreche. Insofern stellt er die Tibet-Politik Chinas überwiegend positiv dar.
Die Schilderung des feudalen „Alten Tibets“ liefert Fakten, die im Westen gepflegte positive Vorurteile infrage stellen. Vor allem die Lebensbedingungen der in Leibeigenschaft oder Schuldknechtschaft lebenden Landbevölkerung wird anschaulich dargestellt, ebenso die Veränderungen, die von der chinesischen Administration hier durchgesetzt wurden. Darüber hinaus macht Winnington klar, daß es in Tibet kein einheitliches Interesse der Bevölkerung gab, sondern adlige Großgrundbesitzer und einfache Leute sehr unterschiedliche Ziele verfolgten.
Die erstmals 1960 publizierten Aufzeichnungen wurden nun neu aufgelegt und stellen – kritisch gelesen – eine außerordentlich interessante Quelle dar.
 



Weitere kritische Literatur
(diese Titel sind teilweise älter, teilweise nicht in deutscher Übersetzung erschienen oder befassen sich mit Einzelaspekten des Themenkomplexes)

Ahmad, Zahiruddin: China and Tibet 1708-1959: A Resume of Facts. Oxford, 1960

Beyer, Stephen: The Cult of Tara: Magic and Ritual in Tibet. Berkeley, 1978.

Bishop, Peter: The Myth of Shangrila: Tibet, Travel writing and Western creation of sacred landscape. London, 1989.

Bishop, Peter: Dreams of Power: Tibetan Buddhism in the Western Imagination. London, 1993.

Conboy, Kenneth/Morrison, James: The CIA’s Secret War in Tibet. Lawrence, 2002.

Cox, Harvey: Licht aus Asien: Verheißung und Versuchung östlicher Religiosität. Stuttgart, 1977.

Curren, Erik: Buddha's Not Smiling: Uncovering Corruption at the Heart of Tibetan Buddhism Today. Buena Vista, 2005.

Fraure, Bernard: Sexualité Buddhique: Ente désirs and réalités. Aix en Provence, 1994.

Gelder, Stuart/Gelder, Roma: Timely Rain: Travels in New Tibet. London, 1964. (deutsch: Visum für Tibet. Düsseldorf, 1965)

Gerner, Manfred: Schneeland Tibet. Frankfurt/Main, 1981.

Goldstein, Melvyn: A History of Modern Tibet 1913-1951: The Demise of the Lamaist State. Berkeley, 1989.

Goldstein, Melvyn: The Snow Lion and the Dragon: China, Tibet and the Dalai Lama. Berkeley, 1997.

Goldstein, Melvyn et al.: The Struggle for Modern Tibet. New York, 1997.

Grunfeld, Tom: The Making of Modern Tibet. New York, 1996.

Han Suyin: Wind in the Tower. London, 1976.
(deutsch: Der Flug des Drachen: Mao Tse-Tung und die chinesische Revolution. München, 1982)

Han Suyin: Lhasa, the Open City: A Journey to Tibet. London, 1977. deutsch: Chinas Sonne über Lhasa: Das neue Tibet unter Pekings Herrschaft. Bern, 1978.

Hsin Mao (Hrsg.): Great Changes in Tibet. Beijing, 1972.

Juergensmeyer, Mark: Terror in the Mind of God. Berkeley, 2000.

Karan, Pradyumna: Changing Face of Tibet. Lexington, 1982.

Lehner, Gerald: Zwischen Hitler und Himalaya: Die Gedächtnislücken des Heinrich Harrer. Wien, 2007. 

Paul, Diana: Die Frau im Buddhismus: Das Bild des Weiblichen in Geschichten und Legenden. Hamburg, 1981.

Schmitz, Gerald: Tibet und das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Berlin, 1998.

Schulemann, Günther: Die Geschichte der Dalai Lamas. Leipzig, 1958.

Senanayake, Ratne Deshapriya: Inside Story of Tibet. Colombo, 1967.
(deutsch: Tibet 1959. München, 1993)

Shaw, Miranda: Passionate Enlightenment: Women in Tantric Buddhism. Princeton, 1994.

Sierksma, Fokke.: Tibet's Terrifying Deities: Sex and Aggression in Religious Acculturation. The Hague, 1966.

Snellgrove, David: Indo-Tibetan Buddhism: Indian Buddhism and their Tibetan Successors. Vol 1/2. Boston, 1987.

Trimondi, Victor/Trimondi Victoria: Hitler – Buddha – Krishna: Eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute. Wien, 2002.

Wang, Jiawei/Gyiancain, Nyima: The Historical Status of China’s Tibet. Beijing, 1997.

Zheng Shan: A History of Development of Tibet. Beijing, 2000.